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Kinder und Jugendliche

Auf dem Weg zu einer allgemeinen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie

19. Februar 2007

Bericht von der 1. wissenschaftlichen Fachtagung des bkj (Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten) vom 12.-14.1.2001 in Köln

 

Viele Seelen wohnen doch in meiner Brust - Identitätsarbeit in der Psychotherapie mit Jugendlichen

In Zeiten, in denen die Veranstalter von Kongressen und Tagungen häufig mit mangelndem Besucherinteresse zu kämpfen haben, war diese erste wissenschaftliche Fachtagung des in den neunziger Jahren gegründeten bkj mit mehr als 250 TeilnehmerInnen erstaunlich gut besucht. Hier wird noch einmal deutlich, wie groß der Bedarf nach Veranstaltungen ist, die sich speziell mit Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie auseinandersetzen. Diejenigen KollegInnen, die ausschließlich oder hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, erleben sich sonst häufig auf Veranstaltungen dieser Art als Minderheit, die wenige für sie interessante Angebote finden.

Die Veranstalter hatten ein Programm zusammengestellt, in dem viele bekannte Namen auftauchten und das sicherlich auch deshalb gut angenommen wurde. Die Veranstaltungen waren im wesentlichen Plenumsveranstaltungen für alle TeilnehmerInnen, d.h. Vorträge und Podiumsdiskussionen, jede(r) TeilnehmerIn konnte darüber hinaus an zwei in Kleingruppen stattfindenden etwa zweistündigen Workshops teilnehmen. Insgesamt wurden die Plenumsveranstaltungen vom Publikum gut angenommen, wenngleich hier natürlich das Problem bestand, dass es keine Alternativen gab: Wem eine Plenumsveranstaltung nicht gefiel, der oder die konnte lediglich an den Bücherstand ausweichen, da ja nur die Workshops parallel stattfanden, die Plenumsveranstaltungen hingegen "konkurrenzlos" waren. Wie die Fachtagung insgesamt angekommen ist, kann immer nur schwer eingeschätzt werden (hierzu hat allerdings der bkj eine kurze TeilnehmerInnen-Befragung durchgeführt, so dass die Veranstalter das wahrscheinlich besser einschätzen können). Bei meinen Gesprächen mit verschiedenen Teilnehmerinnen war die Einschätzung - wie nicht anders zu erwarten - gemischt. Viele waren sehr zufrieden, einige äußerten aber auch Kritik.

Bei einer Beschreibung der Gesamtveranstaltung aus meiner Sicht muss ich natürlich einräumen, nicht alle Veranstaltungen verfolgt zu haben. Ich habe aber an mehreren der Plenumsveranstaltungen teilgenommen sowie einen Workshop besucht und einen selber gehalten. Für mich - als verhaltenstherapeutisch sozialisierten, aber an der Entwicklung einer allgemeinen Psychotherapie sehr interessierten Teilnehmer - ergab sich folgender Eindruck:

Die Tagung war schulenübergreifend angelegt, dennoch ergab sich ein klares Übergewicht von tiefenpsychologisch orientierten Angeboten. Nur wenig Verhaltenstherapie (mein Workshop und der eines Kollegen zum "Coolnesstraining für gewalttätige Jugendliche") und keine einzige systemisch-familientherapeutisch orientierte Veranstaltung standen einer großen Zahl von Vorträgen und Workshops gegenüber, die von ReferentInnen mit tiefenpsychologischem Hintergrund durchgeführt wurden. Man hätte den Eindruck gewinnen können, dass die "richtige" Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie doch irgendwo tiefenpsychologisch ist, wohingegen Verhaltenstherapie und systemische Therapie eher Randerscheinungen sind. Eine Ausnahme in Richtung allgemeiner Psychotherapie machte als Vortragender bei einem der Hauptreferate Stefan Schmidtchen, der seine empirisch gestützten Überlegungen zur allgemeinen Psychotherapie mit Jugendlichen vortrug und der auch beim Abschlusspodium die fehlende systemische Perspektive bei dieser Tagung ansprach.

Insgesamt war beim Abschlusspodium - an dem ich neben Curd-Michael Hockel, Franz Resch, Stefan Schmidtchen, Eva-Maria Topel und Bruno Metzmacher teilnehmen durfte - eine gewisse Übereinstimmung bei den auf dem Podium Sitzenden dahingehend festzustellen, dass eine allgemeine, schulenübergreifende oder -integrierende Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen deren Bedürfnissen am ehesten entgegenkommt. Letztlich wurde mir auf dieser Veranstaltung aber auch noch mal deutlich, dass diese "allgemeine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie" noch nicht in greifbarer Nähe zu sein scheint. So fiel mir auf, dass die Vorträge der tiefenpsychologischen KollegInnen sowohl von der Sprache (den Begrifflichkeiten und deren Konnotationen) als auch von den Argumentationsfiguren her für jemanden mit verhaltenstherapeutischer Sozialisierung doch immer noch fremd sind. Umgekehrt stellte ich fest, dass in meinem Workshop ein größerer Teil der anwesenden nicht-verhaltenstherapeutischen KollegInnen das SORKC-Schema von einer Folie abschrieb - also mit anderen Worten das basalste verhaltenstherapeutische Werkzeug nicht kannte. Hier scheinen wir noch weit voneinander entfernt zu sein. An anderen Stellen wurde auch deutlich, dass es Theoriestränge und Überlegungen gibt, die bei vielen verschiedenen Konzeptionen eine Rolle spielen, beispielsweise wurden entwicklungspsychopathologische Modelle von verschiedenen ReferentInnen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen gestellt. An dieser Stelle wäre also eine Anschlussmöglichkeit gegeben, von der aus weitere Übereinstimmungen gesucht werden können.

Was bleibt als Fazit übrig? Es gab ein vielfältiges Angebot (das noch breiter hätte sein können, s.o.), viele Podiumsvorträge renommierter KollegInnen und eine Palette von Workshops, aus der sich jede(r) TeilnehmerIn seinen Interessen entsprechend etwas aussuchen konnte (ich konnte von dem Workshop, an dem ich teilnahm, sehr profitieren). Wieviel für die therapeutische Praxis im Umgang mit Jugendlichen - denn darum ging es - im Einzelfall übrigbleibt, hängt - wie immer bei solchen Veranstaltungen - davon ab, wie intensiv jemand versucht, das Gehörte in Zusammenhang mit dem eigenen Tun zu bringen. Insgesamt war die Veranstaltung sicher interessant und anregend, die Stimmung war gut. Für die bereits für 2003 angekündigte Folgetagung wäre zu empfehlen: Erstens ein breiteres, wirklich schulenübergreifendes Angebotsspektrum (auch bei den Plenumsveranstaltungen) und zweitens eine Tagungsfete für den Samstagabend. Auf diese Weise könnte der eingeschlagene Weg fruchtbar weiter fortgesetzt werden.

 

Michael Borg-Laufs
Sprecher der Fachgruppe Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie in der DGVT