Einführung DRG; Schreiben vom 26.11.01
Betr.: Vorschlag der psychosozialen Verbände im Akutkrankenhaus zur Erweiterung des OPS-301 (Vorschlag Nr.64)
Sehr geehrte Frau Raskop,
um die Möglichkeit der Finanzierung einer psychosozialen Begleitung somatisch schwerkranker Patientinnen und Patienten im Akutkrankenhaus auch nach der Einführung des neuen Krankenhausvergütungssystems erhalten zu können,haben sich im Frühjahr 2001 VertreterInnen verschiedener psychosozialer Verbände sowie Betroffenenverbände zusammengeschlossen und einen gemeinsamen Vorschlag zur Erweiterung des OPS- 301 erarbeitet, mit dem diese Arbeit auch real dokumentiert werden kann.
Grundlage unseres Erweiterungsvorschlages war dabei die Tatsache, daß körperlich schwerkranke Menschen aufgrund ihrer Erkrankung zwar nur selten als psychisch krank im engeren Sinne gelten können, durch die weitreichenden Auswirkungen im körperlichen, seelischen und sozialen Bereich aber häufig auf eine qualifizierte psychosoziale Begleitung angewiesen sind, um Spätfolgen und damit Folgekosten zu vermeiden. Die Ziffer "Psychotherapie" ist in vielen Fällen nicht ausreichend bzw. nicht angebracht, um diese Tätigkeiten erfassen zu können .
Die Möglichkeit einer psychosozialen Begleitung/Versorgung bei schweren somatischen Erkrankungen sollte auch bei der Adaptation des australischen DRG-Systems an deutsche Verhältnisse erhalten bleiben. In Zeiten knapper werdender finanzieller Ressourcen bei gleichzeitiger Höherbewertung der sog. Apparatemedizin wird gerade bei Schwerkranken eine Unterstützung bei der Verarbeitung der psychischen und sozialen Folgen einer solchen Erkrankung immer notwendiger. Im Vordergrund steht dabei nicht eine Pathologisierung der Krankheitsverarbeitung Schwerkranker, sondern die Stärkung und Stabilisierung von psychischen und sozialen Bewältigungsressourcen der Betroffenen.
Gerade durch die angestrebte Verkürzung der Liegezeiten durch das neue DRG-System bei gleichzeitiger Einschränkung von ambulanten Leistungen wird deshalb eine Unterstützung der Krankheitsverarbeitung bereits im Akutkrankenhaus immer wichtiger.
Die psychosoziale Begleitung wird sowohl von Betroffenen Patientinnen und Patienten sowie von der allgemeinen Öffentlichkeit als sehr wesentlich und positiv bewertet.
Auf Ihren Wunsch hin haben wir unseren Erweiterungsvorschlag mit Hilfe der Vermittlung durch Herrn Prof. Giere mit dem Vorschlag der verbandsübergreifenden Arbeitsgruppe psychosomatische und psychotherapeutische Medizin und mit der GkinD abgeglichen.
Zu unserer großen Verwunderung müssen wir jetzt feststellen, daß trotz der Vermittlungstätigkeit von Herrn Prof. Giere zwar alle die psychosomatische Therapie betreffenden Punkte unseres gemeinsamen Erweiterungsvorschlages in das neue OPS-301 2.2 übernommen wurden, von unserem Bereich jedoch zahlreiche wesentliche Vorschläge nicht berücksichtigt wurden.
Herr Prof. Giere konnte uns in einem persönlichen Gespräch am 24.9.2001 nicht vermitteln, wie es zu dieser Entscheidung kommen konnte. Für uns entsteht der Eindruck, daß entweder wichtige Informationen innerhalb des Kuratoriums nicht vermittelt wurden oder die deutliche politische Absicht dahinter steht, psychosoziale Betreuung Schwerkranker in Zukunft ganz aus dem Leistungskatalog der Akutkrankenhäuser zu streichen. Letzteres dürfte dem Interesse vieler tausend Patientinnen und Patienten an einer ganzheitlichen Behandlung entgegenstehen.
Insbesondere ergaben sich im Gespräch mit Herrn Prof. Giere Unklarheiten hinsichtlich der Ziffer 9-403 sozial- und neuropädiatrsiche Komplexbehandlung. Bei großzügiger Auslegung der zugehörigen Definition erscheint es nach unserem Ermessen möglich, die psychosoziale Begleitung in der Pädiatrie zu kodieren - der gesamte Bereich der psychosozialen Begleitung Erwachsener kann jedoch damit leider nicht erfasst werden. Im Gespräch mit Herrn Prof. Giere entstanden Zweifel, ob dies so vom entscheidenden Kuratorium intendiert war oder doch auch eine Einbeziehung Erwachsener beabsichtigt war.
Im Interesse der betroffenen Patienten können wir uns mit der Nichtberücksichtigung weiter Teile unseres Vorschlags nicht zufrieden geben. Wir bitten um eine Stellungnahme, wie Sie diese Entwicklung bewerten und werden uns weiter dafür engagieren, daß dieser wichtige Beitrag in der Versorgung Schwerkranker auch in Zukunft erhalten bleiben kann.
Mit freundlichen Grüßen
Barbara Grießmeier
Mitunterzeichner:
- PSAPOH (psychosoziale Arbeitsgemeinschaft in der pädiatrischen Hämatologie und Onkologie)
- GPOH (Gesellschaft für pädiatrische Hämatologie und Onkologie)
- Fachgruppe klinische Psychologinnen und Psychologen im Allgemeinkrankenhaus der Sektion klinische Psychologie im BDP (Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V.)
- Dapo (Deutsche Arbeitsgemeinschaft für psychosoziale Onkologie)
- PSO (Arbeitsgemeinschaft Psychoonkologie der Deutschen Krebsgesellschaft)
- DGVT (Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie)
- GNP (Gesellschaft für Neuropsychologie)
- BVHK (Bundesverband herzkranker Kinder)
- VPP (Verband Psychologischer Psychotherapeut/innen im BDP)
- PSYSOZ in der DAIG e.V. (Abt. Psychologie und Sozialwissenschaften in der deutschen Aids-Gesellschaft)
- AG Psychologie und Verhaltensmedizin in der DDG (Deutsche Diabtes Gesellschaft)
- DKGT (Deutscher Fachverband für Kunst- und Gestaltungstherapie)
- BVAKT (Berufsverband für Anthroposophische Kunsttherapie e.V.)