Frauen mit Lernschwierigkeiten arbeiten als Frauenbeauftragte
Ein Projekt zur Stärkung der Rechte von Frauen in Einrichtungen der
Behindertenhilfe
Frauenbeauftragte in Einrichtungen - Ein Projekt von Weibernetz e.V.
in Kooperation mit Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V.
Acht Frauen mit sogenannten geistigen Behinderungen nehmen im Sommer 2010 ihre Arbeit als Frauen beauftragte auf.
Einrichtungen in Aachen, Hamburg, Heilbronn, Hildburghausen, Leipzig, Lemgo, Lübeck, und Marburg nehmen an dem Projekt teil.
Dass Frauen mit Lernschwierigkeiten ihre Interessen selbst vertreten, ist bisher nicht selbstverständlich. Ein vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördertes Pilotprojekt will das ändern. Frauen mit Lernschwierigkeiten, auch Frauen „mit geistiger Behinderung“ genannt, werden beim Aufbau ihrer Interessenvertretung unterstützt. Bundesweit nehmen 16 Frauen teil am Projekt „Frauenbeauftragte in Einrichtungen“. Im Sommer 2010 beginnt die Arbeit von acht neuen Frauenbeauftragten in Werkstätten und Wohnheimen für behinderte Menschen.
(Kassel) Acht Frauen mit Lernschwierigkeiten aus ganz Deutschland nehmen ab Juli 2010 ihre Arbeit als Frauenbeauftragte in ihren Einrichtungen auf. Noch immer ein Novum, werden doch Menschen mit Behinderungen oft als unmündig angesehen. Gerade die Rechte von Frauen mit Behinderungen werden nicht immer ausreichend beachtet – das soll durch das Projekt „Frauenbeauftragte in Einrichtungen“ der Vereine Weibernetz und Mensch zuerst anders werden. Dadurch soll auch die hohe Betroffenheit von Gewalt und sexualisierter Gewalt von Frauen mit Lernschwierigkeiten stärker in den Blick rücken und abgebaut werden. Das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend geförderte Pilot-Projekt im Rahmen des Aktionsplans II zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen soll behinderte Frauen stärken und Diskriminierung abbauen helfen.
Die neuen Frauenbeauftragten vertreten ihre Kolleginnen oder Mitbewohnerinnen selbst. Sie hören zu, nennen Ansprechpersonen, informieren über Rechte und Hilfsmöglichkeiten. Je eine Unterstützerin, oft aus dem Kreis der Angestellten der Einrichtung, hilft jeder der acht Frauen beim Verstehen schwerer Texte, gibt Hinweise und Ideen für die Arbeit als Frauenbeauftragte. Sowohl die Frauenbeauftragten selbst als auch ihre Unterstützerinnen werden seit April 2010 auf ihre neue Aufgabe vorbereitet. In Mainz absolvieren die Frauen regelmäßige Schulungen, Rebecca Maskos vom Weibernetz e.V. berät die Frauen telefonisch. Materialien in Leichter Sprache geben den Frauen Informationen über ihre Rechte und Handlungsmöglichkeiten.
Frauen stärken sich gegen Gewalt und Ungleichbehandlung
Im Sommer geht es für die Frauenbeauftragten nun richtig los. Mittlerweile haben die meisten Einrichtungen ihnen ein eigenes Büro zur Verfügung gestellt, in denen sie sich mit ihren Kolleginnen oder Mitarbeiterinnen austauschen können. Jetzt spricht es sich in den Einrichtungen herum, dass es neben dem Heimbeirat und dem Werkstattrat – einer Art Betriebsrat für Werkstattbeschäftigte - nun auch eine Frauenvertretung gibt. In den nächsten Monaten werden die neuen Frauenbeauftragten Wege finden, die Schwierigkeiten der Frauen in ihren Einrichtungen anzugehen.
Die Benachteiligung der Frauen liegt oft im Bereich von Gewalt und Belästigung: Schätzungen gegen davon aus, dass rund 64 Prozent aller Frauen mit sogenannten geistigen Behinderungen mindestens einmal in ihrem Leben sexualisierte Gewalt und Missbrauch erleben (demgegenüber liegt das Ausmaß von sexualisierter Gewalt bei Frauen ohne Behinderung je nach Studie bei rund dreizehn bis 58 Prozent). Gerade in Einrichtungen der Behindertenhilfe ist das Risiko, Opfer von Gewalt zu werden, besonders hoch. Die Frauen bewegen sich dort in einem Rahmen, der von vielfältigen Abhängigkeiten geprägt ist.
Neben der Wachsamkeit in Punkto Gewalt ist Ungleichbehandlung in Einrichtungen ein großes Thema: Vor allem in vielen Werkstätten für behinderte Menschen sind die Arbeitsbereiche immer noch geschlechtsspezifisch strukturiert: Männer machen oft die besser bezahlte „schwere Arbeit“ an den Maschinen, während Frauen die oft geringer entlohnte „leichte Arbeit“ im Textil- oder Küchenbereich übertragen bekommen. Mutterschaft wird weiblichen Beschäftigten der Werkstätten oft noch schwer gemacht, es fehlt an Teilzeitarbeitsmöglichkeiten oder Kinder-Betreuungsplätzen. Selbstbestimmte Elternschaft für Menschen mit Lernschwierigkeiten ist in Behinderteneinrichtungen nur selten möglich, obwohl es bereits erfolgreiche Unterstützungsmodelle in diesem Bereich gibt. Vielen Frauen mit Lernschwierigkeiten wird zudem das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung abgesprochen. Manche werden zu bestimmten Verhütungsmethoden gedrängt oder sterilisiert, obwohl der gesetzliche Rahmen das nur im Ausnahmefall vorsieht.
Die Projektpartnerinnen
Der Verein Weibernetz e.V. ist Träger des Projekts Frauenbeauftragte in Einrichtungen. Gegründet wurde der bundesweite Zusammenschluss behinderter Frauen 1998, hervorgehend aus der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung behinderter Menschen. Weibernetz e.V. leistet politische Interessenvertretung behinderter Frauen, seit 2003 mit finanzieller Unterstützung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Der Verein setzt sich unter anderem für eine schnelle Umsetzung der UN -Konvention über die Rechte behinderter Menschen unter besonderer Berücksichtigung der Frauenrechte ein.
Im Verein Mensch zuerst – Netzwerk People First Deutschland e.V. haben sich im Jahr 2000 Menschen mit Lernschwierigkeiten zusammengeschlossen. Das Wort „geistige Behinderung“ bewerten sie als diskriminierend. Ihr Ziel ist, ihre Möglichkeiten zur Selbstbestimmung und Selbstvertretung zu stärken. Ein wichtiger Bereich davon ist für Mensch zuerst e.V. die Sprache: So wie RollstuhlfahrerInnen auf Barrieren in ihrer Umwelt stoßen, sehen Menschen mit Lernschwierigkeiten ihre Barriere in der zu schweren Sprache. Deshalb fordert Mensch zuerst e.V. eine gesetzlich geregelte Anerkennung der Leichten Sprache.
Die Frankfurter Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Frauen- und Genderforschung (GSF e.V.) berät die Mitarbeiterinnen bei der wissenschaftlichen Evaluation des Projekts.
Im März 2010 ist bereits ein erster einjähriger Schulungs-Kurs für Frauen-Beauftragte beendet worden. Die ersten acht Frauenbeauftragten aus Groß-Bieberau, Hamburg, Hannover, Höxter, Velden a.d.Vils, Wasserburg und Wermelskirchen arbeiten seit einem dreiviertel Jahr erfolgreich in ihren Einrichtungen.
Weitere Informationen erhalten Sie bei Rebecca Maskos, Weibernetz e.V. und auf unserer Webseite:
www.weibernetz.de/frauenbeauftragte/
Rebecca.Maskos@Weibernetz.de