Jahrestagung des Aktionsbündnis für seelische Gesundheit „Psychiatrie - Politik - Gesellschaft. Menschen mit psychischen Erkrankungen auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft“
Kurzbericht:
Am 4.11.2019 fand die Jahrestagung des Aktionsbündnis für seelische Gesundheit mit dem Schwerpunkt Thema „Psychiatrie - Politik - Gesellschaft. Menschen mit psychischen Erkrankungen auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft“ statt.
Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit ist eine bundesweite Initiative in Trägerschaft der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN). Zu den ca. 115 Mitgliedsorganisationen zählen die Selbsthilfeverbände der Betroffenen und Angehörigen von Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie viele Verbände aus den Bereichen Psychiatrie, Gesundheitsförderung und Politik. Initiiert wurde das Bündnis 2006 von der DGPPN gemeinsam mit Open the doors als Partner des internationalen Antistigma-Programms.
Charakteristisch ist, dass die Steuerungsgruppe des Aktionsbündnisses trialogisch besetzt ist, das heißt, Mitglieder aus dem professionellen Bereich, aus dem Bereich der Betroffenen sowie der Angehörigen sind zuständig für die Koordination und Abstimmung der Aktivitäten des Bündnisses.
(Mehr Infos zum Aktionsbündnis und seinen Aktivitäten unter www.seelischegesundheit.net)
Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden Prof. Dr. Wolfgang Gaebel und Grußworte durch den Past President der DGPPN Prof. Dr. Arno Deister wurden einige Initiativen des Aktionsbündnisses kurz vorgestellt und über die Verläufe, den Stand und bisherige Erfolge berichtet:
- Aktion Grüne Schleife – Erfolge und learnings der Kampagne zum World Mental Health Day 2019 / ABSG
Auch die DGVT unterstützte die Aktion indem sich zahlreiche ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter*innen gegenseitig mit dem Erkennungszeichen der Kampagne fotografiert und veröffentlicht haben. Die Organisator*innen der Aktion „Grüne Schleife“ sowie der Aktionen des Bündnisses zum Aktionstag seelische Gesundheit berichteten zufrieden von guter Presseresonanz, zunehmender Vernetzung und dem fortschreitenden Aufbau der Präsenz im social media Bereich, über den viele Bürger*innen erreicht werden konnten.
- Kinder psychisch kranker Eltern – Ergebnisse der Sachverständigen AG des Bundestages / Dachverband Gemeindepsychiatrie
- Berliner Manifest einer menschenwürdigen Psychiatrie / Bipolaris e.V.
Die DGVT hat das Berliner Manifest unterzeichnet, welches unter folgendem Link einzusehen ist: berliner-manifest.de
Birgit Görres (Geschäftsführerin des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie) berichtete von der Sachverständigenkommission zum Thema Kinder psychisch kranker Eltern und war sich noch unsicher, ob sie das Glas halb leer oder halb voll sehen wollte. Einerseits frustriert darüber, dass Stellungnahmen und Vorschläge der Fachverbände sowie die vorgebrachten Bedürfnisse und Belange der Betroffenen kaum Berücksichtigung fanden, würdigte sie andererseits, was – für politische Verhältnisse - in relativ kurzer Zeit überhaupt schon mal geschafft wurde. Kurz vor Weihnachten sollen die Ergebnisse der Kommission und Planungen der Regierung zum Thema veröffentlicht werden. Bis dahin müsse sie sich noch bedeckt halten. Sie verwies aber auf interessante Stellungnahmen in diesem Zusammenhang und auf die Broschüre „Leuchtturmprojekte: Unterstützung für Familien mit einem psychisch kranken Elternteil“. In der Broschüre werden Aktivitäten gemeindepsychiatrischer Träger sowie eines psychiatrischen Krankenhauses vorgestellt, die seit vielen Jahren am Aufbau von konkreten Hilfen für diese Familien arbeiten. (Broschüre und auch die Stellungnahmen auf der Homepage des Dachverbandes unter www.dvgp.org). Die Leuchtturmprojekte können auch als (konzeptuelle) Orientierung und Anregung dienen für Initiativen, die Anträge auf Finanzierung stellen möchten.
Das Berliner Manifest einer menschenwürdigen Psychiatrie wurde nach seiner Vorstellung kritisch diskutiert. Während die Befürworter*innen für weitere Unterschriften warben, äußerten andere Kritik und Bedenken wegen der sehr allgemein gehaltenen Psychiatrie kritischen Einführung. Mit den zentralen fünf Forderungen (Selbstbestimmung - Ökonomische Absicherung - Einbezug des persönlichen sozialen Netzes - Transparenz der Hilfestrukturen - Partizipation) konnten sich jedoch alle einverstanden erklären.
Das Berliner Manifest und weitergehende Informationen zur Aktionsgruppe etc. finden sich unter www.berliner-manifest.de
In den drei Workshops zu den Themen
1. Psychische Erkrankungen und Politik – Gemeinsame Positionen des ABSG
2. Kinder psychisch kranker Eltern – Thema der Aktionswoche 2020
3. Fortsetzung der Aktion Grüne Schleife 2020 – Treffen der Arbeitsgruppe
konnten Inhalte und vor alle politische Strategien etwas vertieft werden - wobei 45 Minuten da wenig Spielraum ließen.
Zu der Frage, wie das Thema in der Politik behandelt wird und inwiefern die Politik aktiv ist, Menschen mit psychischen Erkrankungen in die Mitte der Gesellschaft zu holen, gab es Gelegenheit mit Maria Klein-Schmeink (Sprecherin für Gesundheitspolitik, Mitglied des Gesundheitsausschusses der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen) in einen offenen Austausch zu gehen. In der lebendigen und zum Teil emotional bewegten Fragerunde kristallisierte sich ein Themenschwerpunkt passend zum Thema der Aktionswoche seelische Gesundheit 2020 (10.10.2020) heraus: Kinder psychisch kranker Eltern/Familien in besonderen Belastungssituationen aufgrund psychischer Krisen eines Familienmitgliedes. Dabei ging es sowohl um die Aspekte Prävention, Entlastung, Hilfen, als auch Behandlung, Aufklärung, Anti-Stigma.
Die Tagung wurde geschlossen mit der Stimmung, dass es politisch noch viel zu tun gibt und das trialogische Prinzip immer noch viel zu selten und zu wenig selbstverständlich umgesetzt und genutzt wird.
Für mich als Besucherin der Tagung und Vertreterin der DGVT war es schön zu sehen, wie viele Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und dahinter stehende Institutionen sich mit Herzblut für die oben skizzierten Anliegen einsetzen. Leider kommen diese Perspektiven auch in meinem Arbeitsalltag oft viel zu kurz.
Sandra Münstermann