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Gesundheitspolitik  • VPP 4/2010

Über den (Galgen-) Humor in der Psychiatrie – „Die Lösung eines Problems ändert die Art desselben“[1]

22. November 2010
 

von Alice Wunderland

Nach landläufiger Meinung ist die Psychiatrie ein Ort des Schreckens; mindestens aber ein Ort, an dem sehr ernst und konzentriert am psychischen Leid gearbeitet wird. Die Krankheits- und Lebensgeschichten erscheinen auf den ersten Blick traurig, manchmal auch tragisch, und aus Respekt vor dem ganzen Elend scheint sich ein humoristischer Blick auf die Angelegenheit zu verbieten.

Doch bei allem Ernst kommen Liebhaber vor allem der absurden Komik in der Psychiatrie voll auf ihre Kosten. Die mannigfaltigen Skurrilitäten, Verwechslungen, Paradoxien, kurz: die ganzen Irrungen und Wirrungen, die der Wahn so mit sich bringt, lösen sich oft – wenn man das Gespür dafür hat – in befreiendem Gelächter auf.

Einen Kumpel von mir, und ebenso bipolar, überkam beispielsweise die Idee, er sei der Herrscher der Welt. Alle Menschen müssten seine Worte nachsprechen und seine Bewegungen nachahmen, und nur so käme die Welt ins Lot. Da er aber nicht nur ein weiser und gerechter Herrscher war, sondern auch ein fixes Kölner Kerlchen und für jede kleine Gemeinheit zu haben, beschloss er, als erste Herrschaftsmaßnahme, seinen Nachbarn einen Streich zu spielen. Also ging er des Nachts in die Vorgärten und legte einen Parcours an Grimassen und Verrenkungen vor, den die Anwohner übernehmen sollten. Innerlich lachte er sich schibbelig bei dem Gedanken, wie er am anderen Morgen die Nachbarn bei ihrem Tun beobachten würde. Indessen riefen diese, die ihn bei seinem merkwürdigen Treiben sahen, die Polizei. Wie die Geschichte ausging, kann man sich denken, aber mein Kumpel (und wir alle mit ihm) fand die Sache immer noch witzig, als er sie uns im Raucherzimmer der psychiatrischen Klinik erzählte, nun um die Einsicht bereichert, dass eigentlich nur er der Gelackmeierte gewesen war. Er nahm sich das nicht übel, sondern baute die Episode in seinen Anekdotenschatz ein.

Lachen ist die beste Medizin, sagt man. Doch kann man sich die heilsame Wirkung des Humors auch bei einem Aufenthalt im Krankenhaus zunutze machen? In der somatischen Medizin beginnt man – vor allem in den angelsächsischen Ländern – über Clowns am Krankenbett nachzudenken. Hierzulande akzeptiert man dies am ehesten bei Kindern, bei Erwachsenen schon weniger und bei psychiatrischen Krankheitsbildern noch weniger. Erwachsene Menschen in schwieriger gesundheitlicher Lage zum Lachen zu animieren, das geht vielen zu weit. Überhaupt hat der deutsche Humor viel von dem Motto: Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. Das heißt: In beruflichen Kontexten oder in Institutionen wie Behörden, Ämtern oder Krankenhäusern scheint Humor nicht gerade selbstverständlich.

Es ist keineswegs so, dass in der Psychiatrie nicht gelacht wird, im Gegenteil, die Patienten amüsieren sich, je nach Verfassung und Station manchmal königlich. Und auch aus dem Personalraum hört man vergnügtes Gelächter. Dass aber Scherze zwischen Personal und Patienten hin und her gehen, ist vergleichsweise selten. Das hat die oben genannten Gründe, geht aber auch, wegen der Charakteristika der Erkrankung, darüber hinaus: Man befürchtet vielleicht, dass sich Depressive in ihrem schweren Leid nicht ernst genommen fühlen könnten oder dass man die Euphorie der manischen Patienten durch Gelächter noch weiter steigert, anstatt sie zu dämpfen. Oder die Professionellen denken möglicherweise, dass die Patienten ihnen den Witz übel nehmen oder nicht verstehen. (Ich selbst stand einmal voll auf dem Schlauch, als ein Pfleger mit einem Augenzwinkern sagte: „Wir wecken unsere Patienten selten, damit sie Schlaftabletten einnehmen.“)

Umgekehrt befürchten Patienten, dass ihnen heitere Bemerkungen als zum Wahn gehörend ausgelegt werden könnten (da man den Ernst der Lage nicht erfassen könne oder noch in manischer Verfassung sei). Beide Seiten sind vielleicht froh, dass man überhaupt eine Umgangsform, eine Möglichkeit der Verständigung gefunden hat. Denn nicht zuletzt: Sinn für Humor erfordert Sinn für Doppelbödigkeit und setzt eine gemeinsame Ebene voraus; das Blödeste für einen Witz-Erzähler ist ja, wenn das Gegenüber die Pointe nicht kapiert. Ein Scherz kommt umso eher an, je mehr man weiß, wie der andere tickt. Und das bedeutet, dass man sich aufeinander einstellen muss. Das ist jedoch einen Versuch wert, denn einander anlachen oder über etwas lachen entspannt und schafft Gemeinsamkeiten. Ein Schmunzeln ist eine kleine Erleichterung für Depressive, ein Gelächter kann dem Stimmenhörer helfen, sich von den Stimmen innerlich etwas zu distanzieren. Vor allem aber könnte Humor auch zu einer neuen Herangehensweise helfen: Dem Witz und dem Wahn gemeinsam ist nämlich, wie ich finde, eine gewisse paradoxe, verblüffende Logik des Denkens (Freud sagte: Der Witz ist die Auflösung einer gespannten Erwartung in nichts).

Man versucht ja zurzeit in der Psychiatrie, dem Wahn mit der Vernunft zu begegnen und den Irrsinn in eine genau definierte Schablone und klare Struktur zu pressen. Wenn man so will, „muss das Runde in das Eckige“ (was der Lage nicht gerecht wird; ich verstehe nicht, wieso man ausgerechnet dem Wahnsinn unbedingt mit dem „gesunden Menschenverstand“ beikommen will). Humor aber ermöglicht eine Dimension der Begegnung, die sonst nicht denkbar wäre. Ein Beispiel: Ich traf bei einem Klinikaufenthalt einmal auf einen Mitpatienten, der angstvoll sagte: „Ich habe meinen Verstand verloren.“ Und ich fragte ganz folgerichtig: „Wo hast du ihn denn das letzte Mal gesehen?” Das klingt wie der gespielte „Irrenwitz“, war aber die bestmögliche Antwort, weil sie der Logik der Psychose entsprach. Außerdem kam mein Mitpatient im Suchen nach dem Verstand rund um die Klinik zu anderen Eindrücken, wurde abgelenkt und vergaß darüber das Problem. „Normale“ Antworten wie „Beruhigen Sie sich erst mal“, „Man kann seinen Verstand doch gar nicht verlieren“ oder auch „Ich verstehe, dass Sie jetzt Angst haben“ hätten die Situation verschlimmert. Nebenbei bemerkt verhalf es mir zu einem köstlichen Schatz in meiner eigenen Anekdotensammlung: Auf der Suche nach dem verloren gegangenen Geist nämlich, trafen wir einen erkennbar mit sich selbst beschäftigten Patienten. Mein Kumpel sprach ihn an: „Hast du vielleicht zufällig meinen Verstand gesehen?” Und dieser vor sich hin brummelnde Mensch blickte uns an, ohne das geringste Zögern, ohne die geringste Überraschung, und gab klar und deutlich folgende Antwort: „Nein, aber komm morgen um halb fünf noch mal wieder.“

Professionelle könnten sich also mal in paradoxen Dialogen versuchen. Meistens sind diese kurz und bündig. Wir Patienten verstehen folgenden Dialog unmittelbar: „Warum hast du denn Geld aus dem Fenster geworfen?“ – „Weil die Leute nur mit Geld glücklich werden.“ – „Ach so.“ Das Sicheinlassen auf diese Art von logischem Denken könnte den Professionellen zu ganz neuen Einsichten über die Werte in unserer Gesellschaft und über das spannende Verhältnis von Wahn und Wirklichkeit verhelfen.

 

Alice Wunderland lebt von Zeit zu Zeit im Wunderland …



[1]Quelle: Zeitschrift „soziale psychiatrie“, Ausgabe 3/Juli 2010; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion sowie der Autorin.