ver.di-Fachtagung "Neue Arbeitsteilung in der Gesundheitsversorgung"
Vielleicht hat aber auch die illustre Riege von fünf Fachreferenten dazu beigetragen, ein so reges Interesse zu wecken.
Da saß jemand vom "Institut für Arbeit und Technik" in Gelsenkirchen (Stefan von Bandemer) und referierte über Arbeitsmarktentwicklungen und sprach vom Gesundheitswesen als einem boomenden (man könnte hinzufügen: einem Gewinn bringenden) Wirtschaftszweig, der erhöhte Qualitätsanforderungen an das (Pflege-) Personal stellen würde, Anforderungen an die Ausbildung, auch um ärztliche Tätigkeiten übernehmen zu können.
Da stellte jemand von der FH Esslingen (Prof. Dr. Claudia Bischoff-Wanner) Ansichten über neue Bildungskonzepte für Pflegeberufe vor und beklagte in ihren Ausführungen, dass eine Veränderung der Ausbildungsstruktur zu langsam vorangehe und damit den Anforderungen des Marktes nicht gerecht würde.
Da zeigte jemand aus dem Bereich der Privatkliniken (Dr. med. Parwis C. Fotuhi, Leiter der Helios Akademie vom größten privaten Klinikkonzern mit rund 26.000 Beschäftigten), wo die Reise hingehen soll.
Neue Formen der Arbeitsteilung (z.B. durch Übernahme ärztlicher Tätigkeiten durch das Pflegepersonal) kämen Patienten wie auch Personal (weil besser qualifiziert) zugute. Aber wir wissen ja, der Gesundheitskonzern will Gewinne machen. Das wird auch die Triebfeder für das Engagement von Helios auf dem Ausbildungssektor sein. Der Referent spricht so auch von Qualität als dem Marktfaktor bei der Gewinnung von (gut zahlenden, möchte man meinen) Patienten.
Da tat jemand seine rechtlichen Bedenken zur Übertragung ärztlicher Tätigkeiten auf das Pflegepersonal (RA Robert Roßbruch) kundt. Dies scheint die Macher des Helios-Weiterbildungskonzeptes aber nicht zu stören. Vielleicht gibt es ja auch schon, vorläufig noch unveröffentlichte, Bewegung in der Gesetzgebung?
Ein notwendiger kritischer Ton kam – neben der der betroffenen Stimmen am Ende der Veranstaltung beim Diskursteil – von gewerkschaftlicher Seite. Von der Leiterin des ver.di-Fachbereiches "Gesundheit, soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen" (Ellen Paschke, auch Mitglied der BundesTarifkommission) und vom Sekretär der Bundesfachkommission für PP und KJP (Gerd Dielmann).
Ellen Paschke kritisierte u. a. die wachsende Diskrepanz zwischen der stetig steigenden Zahl von Ärzten mit sinkenden Beschäftigtenzahlen in der Pflege bei gleichzeitig wachsenden Fallzahlen und damit die Verschlechterung der Situation der Beschäftigten. Sie rief die KollegInnen auf, sich zu wehren und das System "Immer weniger machen mehr" zusammenbrechen zu lassen. Gerd Dielmann meinte sarkastisch, als die Podiumsteilnehmer nach ihrer Vision 2017 – bei der allerlei idealistische Statements zu hören waren - gefragt wurden, dass "wir dann erstklassige Berufskonzepte, ein allgemeines Bildungssystem und ein Tarifsystem haben, das Weiterbildung berücksichtigt. Und wir freuen uns, wenn wir ins Krankenhaus eingewiesen werden."
Zur Diskussion mit Beteiligung der Teilnehmer der Veranstaltung saßen zu Ende der Veranstaltung auch jemand vom Bundesministerium für Gesundheit (Dr. Volker Grigutsch) und der Bundesgeschäftsführer des Deutschen Bundesverbandes für Pflegeberufe (Franz Wagner) auf dem Podium.
Vom Publikum kamen nun deutliche Statements zu einem breiten Spektrum. Es fing an bei der Frage, warum bei der Tagung keine Betriebs- und Personalräte mit auf dem Podium säßen, dass man endlich die Leute aus der Praxis zu den Entwicklungen fragen sollte, ob sie überhaupt ärztliche Tätigkeiten (neben all dem schon jetzt vorhandenem Arbeitsstress) übernehmen wollen. Andere bezogen sich auf die oft geäußerten Ängste um drohende oder bereits vollzogene Privatisierungen, die meist einhergehen mit konkreten Verschlechterungen, mit Arbeitsverdichtung, schlechter Bezahlung und fehlender Anerkennung und das ganze nur der Profitsicherung. Das kann man durchaus verstehen und nachvollziehen.
Etwas peinlich wirkte dabei der Auftritt des Helios-Betriebsrates, der wegen seiner Zustimmung zu den Bestrebungen der konzerneigenen Akademie von einem Teilnehmer zum Rücktritt aufgefordert wurde, jedoch für seine Zustimmung und Kooperations-bereitschaft vom Helios-Vertreter in der Veranstaltung gelobt wurde.
Die Gewerkschaft, aber nicht nur die, tut gut daran, die Entwicklung scharf im Auge zu behalten und durch weitere Veranstaltungen und Aktionen – vielleicht ähnlich der ver.di-Kampagne "Soziale Arbeit ist mehr wert", mit der gegen prekäre Arbeitsverhältnisse und Lohndumping zu Felde gezogen wird - zu versuchen, die Interessen von Pflegepersonal und damit den Patienten künftig noch vehementer zu vertreten und noch deutlicher zu machen, dass Gesundheit keine Ware sein darf.
Klaus Bickel, Berlin
(Mitglied der ver.di-Bundeskommission PP und KJP
und Delegierter der Psychotherapeutenkammer Berlin)
Kontakt: Bornstr. 21, 12163 Berlin, E-Mail: klaus-bickel@t-online.de
Siehe auch den ausführlicheren Tagungsbericht auf der ver.di-Homepage unter
http://gesundheit-soziales.verdi.de/berufliche_bildung/data/tagungsbericht_27feb07.pdf