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Rosa Beilage 2/2010

„We have the champions“ [1] – Ökonomisierung im Gesundheitswesen

20. Mai 2010
 

Quelle: Highlights – Das Onlinemagazin zur Gesundheit, Ausgabe 12/10: 07.05.2010; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Die Ökonomisierung der Welt ist auch im deutschen Gesundheitswesen endgültig angekommen. Gesundheitswirtschaft ist das aktuelle Zauberwort.

Im Gesundheitswesen dauert eben alles etwas länger als in anderen Bereichen der Gesellschaft und wird dann als das non plus ultra des Fortschritts verkauft.

IT im Gesundheitswesen auf Basis der eGK ist ein inzwischen schon fast tragisches Beispiel.

Allerdings hat die Ökonomisierung der Gesellschaft international, aber auch national, in den meisten Bereichen ihren Zenit längst überschritten und man beginnt Lehren aus der ungebremsten und unbegrenzten Ökonomisierung unter Schmerzen und Wehklagen zu ziehen.

Nicht so im deutschen Gesundheitswesen. Zwar hatte das Gesundheitswesen für die Leistungserbringer und die Industrie immer schon einen ökonomischen Aspekt, oft auch ganz zentral aber ein wenig verschämt, heruntergespielt.

Diese Zeiten sind endgültig vorbei. Das Gesundheitswesen ist als Job-Maschine und als Wirtschaftsfaktor jetzt offiziell durch Philipp Rösler geadelt und von der Kanzlerin huldvoll abgesegnet worden.

Öffentlich konnte man dies auf dem Zukunftskongress Gesundheitswirtschaft des BMG „We have the Champions“ am 29.4. beobachten.

Der 6. Kontradieff, seit Jahren diskutiert, beschworen und von vielen erhofft, ist in der Politik angekommen.

War noch nach einem on dit Gerhard Schröder bei der Regierungsübernahme vom GKV Volumen völlig überrascht, ist 12 Jahre später die Gesundheitswirtschaft auf Augenhöhe mit der Automobilindustrie angelangt.

Philipp Rösler und auch Angela Merkel sangen auf der BMG Tagung das hohe Lied der Gesundheitswirtschaft, ihre Vertreter, vor allem aus dem Bereich der Medizintechnik, fühlten sich endlich aus ihrem Schattendasein befreit. Selbst kleine Ausreißer, wie die Kritik des Vorstandsvorsitzenden des vfa, Wolfgang Plischke, am Arzneimittelsparpaket, wurden mit einer eleganten Handbewegung vom Tisch gewischt – nichts Aktuelles, nur Grundsätzliches sollte thematisiert werden.

Die Gesundheitswirtschaft soll boomen und gedeihen, zu unser aller Wohl. Exportieren soll die Gesundheitswirtschaft und an ihr sollen alle, die durch die Finanz – und Wirtschaftskrise mühselig und beladen sind, erquickt werden.

Richtig ist, dass die Finanz – und Wirtschaftskrise dem Gesundheitswesen, der Gesundheitswirtschaft bisher kaum etwas anhaben konnten, dass sie ein Job - Garant und ein wirtschaftlicher Stabilitätsanker waren. Krisensicher scheint die Gesundheitswirtschaft zu sein, mit einem hohen Exportpotenzial und damit volkswirtschaftlich von hohem Nutzen. Wer wollte das bestreiten – auch wenn dabei unterschlagen wird, dass die Branche massiv von Steuerzuschüssen profitiert hat.

Und zu wessen Nutzen das Ganze?

Des Patienten natürlich. Es geht, so die Kanzlerin und der Gesundheitsminister, um die bestmögliche Versorgung, um den direkten Zugang zur medizinischen Spitzenversorgung für alle. Niemand, der eines klaren Gedankens fähig ist, würde etwas anderes wollen oder er wäre schlicht ein Barbar.

Es kommt aber doch auf die Gewichtung von Patienteninteressen und wirtschaftlichen Interessen an.

Zurzeit scheint das Pendel zu Gunsten der wirtschaftlichen Interessen auszuschlagen und hinter denen könnten die Interessen derer, für die dieses System aufgebaut wurde, zurücktreten. Darin liegt eine Gefahr.

Ob sich die Versorgung mit höheren Umsätzen der Gesundheitswirtschaft, mit höheren Honoraren für die Leistungserbringer verbessert, ob sich die Gesundheit der Bevölkerung verbessert, die der Versicherten, der Patienten, muss erst einmal bewiesen werden.

Nur Versorgungsforschung kann Grundlage einer evidenzbasierten Versorgung werden. Dann kann man nach dem Nutzen, vielleicht sogar nach der Kosten-Nutzen-Relation fragen.

Was in der Medizin als Goldstandard gefordert wird, darf doch auch für die Versorgung insgesamt gefordert werden.

Dann, aber nur dann, könnte man eine volkswirtschaftliche Bilanz erstellen.

Ganz im Zeichen der Gesundheitswirtschaft präsentiert sich auch der Hauptstadtkongress.

Es ist schon rein optisch eine Art Leistungsschau des deutschen Gesundheitswesens, der deutschen und internationalen Gesundheitswirtschaft, denn sie ist längst international geworden. Die „Großen“ sind keine deutschen Firmen, sondern internationale Konzerne, zumeist mit Sitz in den USA. Dies ist keinesfalls bedauerlich, ist die Welt doch international und vernetzt.

Aber heißt es dann nicht Abschied nehmen vom Traum von den enormen Potenzialen der deutschen Gesundheitswirtschaft, trotz der deutschen Mittelständler, die sich auf der BMG Tagung stolz präsentierten, die sich am Weltmarkt erfolgreich etabliert haben?

Bleiben für sie nur kleinere Hochtechnologiesegmente übrig?

Derartige Fragen verbieten sich natürlich. Philipp Rösler spricht derartige Fragen erst gar nicht an. Seine große Eröffnungsrede auf dem Hauptstadtkongress begeisterte die Zuhörerinnen.

Erstens, weil sie die Rede und die Bonmots zum ersten Mal hörten und nicht wie die Berliner Fachszene, der Röslers Reden in immer wieder neu zusammengestellten Versatzstücken seit Ende Januar nahezu identisch präsentiert werden, und zweitens, weil er aus ihrem Leistungserbringer – und Industrieherz sprach.

So genau hört man dann auch nicht mehr hin, auch nicht, wenn er sagt, dass er vielleicht allen etwas wegnehmen müsse und sie auf keinen Fall mehr Geld bekämen, dafür aber ein „faires System“ (Was das wohl sein mag?). Geteiltes Leid ist eben halbes Leid.

Zu stören scheint auch niemanden, wenn Philipp Rösler Freiberuflichkeit als Therapiefreiheit verkauft. Hat er da etwas missverstanden oder ist es ein wenig „corrigé la vérité“ zu Gunsten eines Höheren?

Man sollte nicht ganz so „pingelig“ sein, konnten die erstaunten Zuhörer und Zuhörerinnen vernehmen, dass in einer Ehe einander die Wahrheit zu sagen, nicht klug sei. Ganz Offizier und Gentleman wie Philipp Rösler betonte.

(USA 1882, Regie: Taylor Hackford, mit Richard Gere und Debra Winger. Im Gedächtnis bleibt die Szene, in der Richard Gere in weißer Parade - uniform - Debra Winger auf Händen aus der Fabrik trägt).

Warum dann in der Politik?

Auch die neue Kultur des Vertrauens als Kontrast zur Qualitätssicherung verblüfft.

Steht dahinter ein eminenzbasiertes Weltbild mit liberalem Mäntelchen oder ist dies ein Schmusekurs gegenüber dem eigenen Berufsstand?

Wie dem auch sei – alles zum Wohle des Patienten, der ein mündiger Patient werden soll – mit wirtschaftlicher und Therapieentscheidungsfreiheit. (Wie verträgt sich die Kultur des Vertrauens mit Transparenz – transparentes Vertrauen?). Deshalb auch Kostenerstattung, ein inzwischen abgegriffenes Stück Stoff aus der liberalen Mottenkiste, bei Ärzten sehr beliebt. Wer aber zahlt die Zeche?

Die GKV, die PKV? Es ist der Versicherte, der in der schönen neuen Welt der Gesundheitswirtschaft offensichtlich nicht so recht gelitten ist. Er finanziert, mehr schlecht als recht, denn es müsste viel mehr Geld ins System, eine alte Forderung.

Zuzahlung, Aufzahlung und Eigenbeteiligung heißen dann die weiteren Zauberwörter, ein „Sesam öffne Dich“ für das Portemonnaie der Versicherten.

Der 2. Gesundheitsmarkt könnte die Lösung sein. Aber verflixt – der will einfach nicht wachsen! Auf ihn hatten schon so manche gesetzt, viel Klügere übrigens und sich eine blutige Nase geholt.

Aber wenn alle Leistungserbringer und die Industrie mehr verdienen sollen, wenn der Gesundheitsmarkt blühen und gedeihen soll, dann muss der Versicherte mehr zahlen, der Versicherte wohlgemerkt, denn die Arbeitgeber sollen entlastet werden von der Bürde der „es war einmal paritätischen“ Sozialversicherung. Sie ist doch vielen ein Dorn im Auge, denn sie wird als kränkelnd und nicht zukunftsfähig deklariert.

Ist die Sozialversicherung denn wirklich so marode?

Nur zur Erinnerung – aus welchem Topf wird z.B. die Kurzarbeit bezahlt?

Nicht aus den Kassen der Unternehmen, sondern aus dem Topf der geschmähten Sozialversicherung. Sie erhält zwar Steuerzuschüsse, muss sie auch, nachdem sie immer wieder für versicherungsfremde Leistungen geschröpft wurde. Nicht zu vergessen, sie hat neben den Krediten auch die deutsche Einheit finanziert.

Und die GKV finanziert immer noch das Gesundheitswesen mit der Sahnehaube von der PKV. Aber das ist alles Schnee von gestern.

Der Sozialausgleich soll doch mit Steuermitteln gezahlt werden, die Steuern sollen wiederum gesenkt werden. Was bedeuten da schon ein paar Milliarden, doch nur 40 Mrd. € Steuerausfälle, Griechenland – und Eurokrise?

Der Versicherte, sofern er Steuerzahler ist, wird dann zwei Mal zur Kasse gebeten, aber, wie es heißt, gerechter. So gerecht wie die Beteiligung der Banken an den Kosten der von ihnenverursachten Krise?

Die schöne neue Welt der Gesundheitswirtschaft ist für den Versicherten und den Steuerzahler dann wirklich eine schöne neue Welt im Huxleyschen Sinn.

Beruhigend ist nur, dass es unter den Leistungserbringern und in der Industrie noch viele gibt, die diese schöne neue Welt nur mit Kopfschütteln betrachten und wie bisher ihren Job nach besten Kräften erledigen und eine Balance zwischen ihren wirtschaftlichen Interessen und Gemeinsinn, zwischen ihren wirtschaftlichen und inhaltlichen Zielen gefunden haben.

Sie wissen noch sehr wohl, was die Worte Sozialversicherung und Sozialsystem bedeuten, eben weitaus mehr als Solidarität, und weigern sich, bei den heute so beliebten Umdeutungen dieses Wortes mitzuspielen.

Leider haben sie kaum eine Stimme in der Öffentlichkeit. Auch die wenigen Funktionäre, die so denken, werden allzu oft überstimmt. Sie wissen, dass die Welt der Gesundheitswirtschaft eine andere ist, als die, in der sie tagtäglich arbeiten.

Gesundheitswirtschaft ist eben nicht gleich Gesundheitswirtschaft und es geht nicht nur um den Standort Deutschland, nicht nur um Gewinne, es geht auch und vor allem um die soziale Organisation einer Gesellschaft, die auch etwas mit der Moral einer Gesellschaft zu tun hat.

Aber noch ist das Gesundheitswesen nicht verloren, vielleicht sogar Dank Griechenland.


[1] Quelle: Highlights – Das Onlinemagazin zur Gesundheit, Ausgabe 12/10: 07.05.2010; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.