Zum aktuellen Stand der BMBF Initiative "Psychotherapieforschung"
Die Beantwortung bereits einiger dieser Fragen könnte erheblich zur Verbesserung vorliegender Verfahren und zu deren Etablierung im Versorgungsalltag beitragen. Die Finanzierung von Untersuchungen dieser forschungstechnisch aufwändigen Fragestellungen in Deutschland, die zur Differenzierung von Effekten in der Regel von großen Fallzahlen abhängig ist, war bislang jedoch bestenfalls in Einzelfällen gewährleistet.
Auf diese Problematik hat der Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (nach § 11 PsychThG) von Beginn seiner Tätigkeit an hingewiesen (WBP, 2000). In den Jahren 2002/03 wurden intensive Gespräche mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) über die Möglichkeit, einen entsprechenden Förderschwerpunkt im Gesundheitsforschungsprogramm der Bundesregierung auszugestalten. Diese Beratungen mündeten schließlich in ein gemeinsam ausgerichtetes wissenschaftliches Symposium am 20. und 21. Juni 2003 in Mainz, bei dem es um die nähere Ausgestaltung der Forschungsthemen in einem entsprechenden Förderprogramm gehen sollte. An der Veranstaltung nahmen neben namhaften deutschen Vertretern der Psychotherapieforschung auch eine Reihe ausländischer Experten teil (Hoffmann, 2003, Richard, 2003). Die Ergebnisse dieses internationalen Austausches mündeten in ein Vorschlagspapier des Wissenschaftlichen Beirats (2003) und schließlich in eine am 3. Dezember 2004 veröffentlichte BMBF-Ausschreibung mit einem Gesamtförderungsvolumen von 18 Mio Euro. Förderungsvoraussetzungen waren dabei die Bildung interdisziplinärer und überregionaler Forschungsverbünde sowie die Beschäftigung mit jeweils einem gesundheitspolitisch relevanten psychischen Störungsbild, wobei schwerpunktmäßig die folgenden vier Bereiche definiert wurden, in die sich die Projektanträge einordnen sollten.
- Ergebnis- und Prozessforschung bei spezifischen Störungsbildern:
Hierunter wurde hauptsächlich der Vergleich von psychotherapeutischen Verfahren untereinander oder der Vergleich psychotherapeutischer Interventionen mit medikamentösen Therapien gefasst. - Rahmenbedingungen und Praxistransfer:
Im Mittelpunkt sollte die Untersuchung der Wirksamkeit bereits evaluierter Verfahren unter Alltagsbedingungen, sowie die Entwicklung von Leitlinien und die Verbreitung ,evidenzbasierter’ Methoden stehen. - Interaktion von neurobiologischen und psychosozialen Faktoren:
Zu diesem Bereich zählten Untersuchungen zu neurobiologischen Besonderheiten und deren Auswirkungen auf den Erfolg oder Misserfolg von Psychotherapie; z.B. aber auch die Effekte von pharmakologisch-psychotherapeutischen Kombinationsbehandlungen. - Entwicklungs- und geschlechtsspezifische Dimensionen der Psychotherapieforschung:
Damit sollten Projekte angestrebt werden, die sich mit der Behandlung von Kindern und Jugendlichen sowie älterer Menschen befassten.
Die Förderungsdauer wurde zunächst auf drei Jahre festgelegt, wobei bereits in der Ausschreibung eine zweite Förderungsperiode von drei Jahren vorgesehen war, wenn die Projekte initial erfolgreich waren. Die Auswahl zu fördernder Projekte erfolgte in einem zweistufigen Verfahren. Bis zum 31. März 2005 konnten beim BMBF erste Antragsskizzen vorgelegt werden. Bei positiver Begutachtung wurden die Projektverbünde aufgefordert, einen ausführlichen Förderantrag zu stellen, der durch unabhängige Fachgutachter nach festgelegten Kriterien bewertet wurde.
Insgesamt wurden 31 Projektskizzen eingereicht. Nach der ersten Auswahlrunde wurden 8 Projekte aufgefordert, ausführliche Projektanträge einzureichen. Überraschenderweise wurden nach Beurteilung dieser Anträge entgegen der ursprünglichen Ankündigung des BMBF maximal vier Projekte zu fördern, fünf Anträge zu verschiedenen Störungsbildern bewilligt; im Einzelnen waren das die Forschungsverbünde zu Essstörungen, zur Sozialen Phobie, zur Panikstörung, zu Psychotischen Störungen sowie zur Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung. Dabei wurden in der Regel die Anträge der Forschungsverbünde nicht im vollen beantragten Umfang bewilligt, sondern mussten zum Teil drastische Kürzungen bzw. Streichungen einzelner Teilprojekte hinnehmen. Nachdem die Benachrichtigung über die Förderung im Spätherbst 2006 erfolgte begann in den meisten Verbünden die Vorbereitungsphase für die Durchführung der zentralen Therapieprojekte und der Zusatzuntersuchungen. Im Mai 2007 wurden in einigen Verbünden - so bei SophoNet und im Panik-Netz - die ersten Patienten in die Studien eingeschlossen.
Im Folgenden werden die fünf Verbünde sowie die darin verankerten bewilligten Forschungsprojekte kurz beschrieben.
Im Bereich Essstörungen erhielt der Verbund „Eating Disorders Diagnostic and Treatment Network“ (EDNET) eine Förderungsbewilligung. Im Förderumfang enthalten ist die Durchführung dreier multizentrischer randomisiert-kontrollierter Psychotherapiestudien:
- Die Evaluation zweier manualisierter Psychotherapien (Psychodynamische Fokaltherapie und Kognitive Verhaltenstherapie) mit je 40 Sitzungen im Vergleich zum „Treatment as usual“ bei Anorexia nervosa im Erwachsenenalter (Leiter: Stephan Zipfel, Tübingen);
- der Vergleich von Langzeiteffekten tagesklinischer und stationärer Behandlung bei Anorexia nervosa im Kindes- und Jugendalter (Leiterin: Beate Herpertz-Dahlmann, Aachen) sowie
- die Evaluation der Wirksamkeit einer Internet-basierten Rückfallprophylaxe nach stationärer Psychotherapie für Anorexia nervosa und Bulimia nervosa (LeiterIn: Manfred Fichter (Prien) und Corinna Jacobi (Dresden)).
Bei allen drei Studien sind vor allem die geplanten Fallzahlen hervorzuheben, die zwischen 170 und 516 Patienten in den einzelnen Studien vorsehen und die Projekte zu den größten dieser Art weltweit machen. Über die Therapiestudien hinaus werden verschiedene Satellitenprojekte gefördert, die mit diesen Therapiestudien vernetzt sind; darunter Studien zu genetischen, neurobiologischen und endokrinologischen Korrelaten sowie zu Mediatoren und Moderatoren des psychotherapeutischen Prozesses. Koordinatorin und Sprecherin des Verbundes ist Martina de Zwaan (Erlangen). Unabhängig von der BMBF-Förderung strebt der Verbund zusammen mit weiteren Experten auf dem Gebiet die Entwicklung und Etablierung evidenz-basierter Leitlinien für die Behandlung von Patienten mit Essstörungen an.
Der Forschungsverbund zur Sozialen Phobie „Social Phobia Psychotherapy Research Network“ (Sopho-Net) zielt vorrangig auf den Vergleich der Wirksamkeit zweier ambulanter manualisierter Kurzzeittherapien (je 25 Sitzungen), die parallel in den Studienzentren Göttingen, Bochum, Dresden, Jena und Mainz durchgeführt werden. Konkret wird ein verhaltenstherapeutisches Vorgehen mit einer psychodynamischen Kurzzeittherapie verglichen.
Weitere vier Teilprojekte werden gefördert. In zwei von diesen Teilprojekten sollen die Ergebnisse der Therapiestudie genutzt werden, um auf der Grundlage von Bindungscharakteristika Aussagen über eine differenzielle Behandlungsindikation bei Sozialphobikern abzuleiten (Leiter: Bernhard Strauss, Jena) sowie um über die Abschätzung der Kosten-Nutzen-Relation zu einer ökonomischen Bewertung der Wirtschaftlichkeit beider Behandlungsformen zu kommen (Leiter: Hans-Helmut König, Leipzig). Die beiden anderen Teilprojekte beschäftigen sich mit den genetischen Polymorphismen und deren Einfluss auf den Schweregrad und die therapeutische Ansprechbarkeit der sozialen Phobie (Leiter: Stefan Viktor Vormfelde, Göttingen) und mit neuronalen funktionellen und strukturellen Veränderungen bei Patienten mit Sozialer Phobie sowie deren mögliche Veränderung durch die Behandlung (Leiterin: Eva Irle, Göttingen) Die Koordination des Therapieprojekts obliegt der Universität Göttingen unter der Leitung von Falk Leichsenring (Göttingen). Weitere Informationen können auf der Internetseite www.sopho-net.de abgerufen werden.
Als zweiter Verbund im Bereich der Angststörungen konnte der Forschungsverbund „Improving the Treatment of Panic Disorder - From a better Understanding of Fear Circuit Mechanisms to more effective Psychological Treatment and Routine Care“ (Panik-Netz) gefördert werden. Im zentralen Therapieprojekt wird die Wirksamkeit von zwei standardisierten Formen Kognitiver Verhaltenstherapie im Vergleich zu einer Wartekontrollgruppe untersucht. Die beiden aktiven Untersuchungsbedingungen werden dabei nur im Hinblick auf die Durchführung von Expositionsübungen variiert: Während in einer Gruppe Expositionen durch den Therapeuten begleitet werden, führt der Patient in der anderen Behandlungsbedingung diese Übungen ausschließlich selbstangeleitet durch. Die randomisierte multizentrische Therapiestudie (Leiter: Hans-Ulrich Wittchen, Dresden) wird in allen beteiligten Studienzentren, Aachen, Berlin-Adlershof, Berlin-Charité, Dresden, Greifswald, Münster und Würzburg durchgeführt, wobei in einzelnen Zentren weitere Forschungsprojekte mit dieser Therapiestudie vernetzt sind. Untersucht werden dabei genetische Variationen in dieser Population (Leiter: Jürgen Deckert, Würzburg) sowie psychophysiologische Korrelate (Leiter: Alfons Hamm, Geifswald) und neurobiologische Korrelate (Leiter: Tilo Kircher, Aachen) der Symptomatik und der Behandlung. Darüber hinaus wird eine Subtypisierung von Panikpatienten (Leiter: Alexander Gerlach, Münster) angestrebt, um Aussagen zu Prädiktoren des Behandlungserfolgs treffen zu können. In Assoziation mit den Ergebnissen der Therapiestudie sollen diese Untersuchungen Aufschluss über die Frage geben, welche Wirkmechanismen dem Erfolg kognitiv-behavioraler Behandlung bei Panikstörungen zu Grunde liegen. In einer unabhängigen placebokontrollierten Studie wird darüber hinaus eine mit D-Cycloserin pharmakologisch unterstützte Expositionstherapie auf ihre Wirksamkeit untersucht (Leiter: Andreas Ströhle, Berlin). Als Verbundsprecher fungiert Volker Arolt (Münster). Weitere Informationen zum Forschungsverbund finden sich auf der Internetseite www.paniknetz.de.
Im Bereich schizophrener Störungen wurde der Forschungsverbund „Psychotherapie von Positivsymptomatik psychotischer Störungen“ (Sprecher: Gerhard Buchkremer (Tübingen) und Stefan Klingberg (Tübingen)) positiv durch die vom BMBF bestellten Gutachter beurteilt, der auf die Entwicklung, Durchführung und Evaluation von störungsspezifischen Interventionen zielt. Das zentrale Projekt in diesem Verbund ist eine multizentrische, randomisierte klinische Studie zur Wirksamkeit kognitiver Verhaltenstherapie bei Positivsymptomatik (Leiter: Stefan Klingberg, Tübingen), in dessen Rahmen auch eine weiterführende Analyse der Wirkfaktoren durchgeführt werden soll (Leiter: Andreas Wittorf, Tübingen). Im Rahmen der Wirkmechanismenforschung werden kognitive Defizite und kognitive Verarbeitungsstile als mögliche Einflussfaktoren auf den Therapieerfolg untersucht (Leiter: Michael Wagner, Bonn). Durch funktionelle Kernspintomographie sollen darüber hinaus die Korrelate neuronaler Plastizität im Rahmen psychotherapeutischer Interventionen bei Psychosen abgebildet werden (Leiter: Tilo Kircher, Aachen). Ergänzt wird das Vorhaben durch eine gesundheitsökonomische Kosten-Nutzwert-Analyse (Leiter: Hans-Helmut König, Leipzig).
Der Forschungsverbund zum Thema Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung „Effects and mechanisms of psychotherapy in the treatment of attention deficit hyperactivity disorder in children and adults“ (PADCA) untersucht Wirkungen und Wirkmechanismen der Behandlung bei diesem Störungsbild im Rahmen zweier Therapiestudien, die jeweils zentral in den Studienzentren Würzburg und Freiburg durchgeführt werden. Die erste Studie zur Behandlung der ADHS bei Erwachsenen überprüft die Wirkung von Psychotherapie und Pharmakotherapie (Methylphenidat, Leiterin: Alexandra Philipsen, Freiburg). In einer zweiten Therapiestudie zur Behandlung der ADHS bei Kindern und betroffenen Müttern wird die kombiniert verhaltenstherapeutisch-pharmakologische Behandlung mit einer unspezifischen beratenden Kontrollbehandlung verglichen (Leiter: Andreas Warnke, Würzburg). Darüber hinaus sollen Zusammenhänge zwischen morphologischen, genetischen und funktionellen Markern und dem Therapieverlauf untersucht werden (Leiter: Tebartz van Elst (Freiburg) und Klaus-Peter Lesch (Würzburg)). Verbundkoordinator ist Andreas Warnke. Weitere Informationen zu den Projekten werden derzeit auf der Homepage des Universitätsklinikums Würzburg zusammengestellt.
Insgesamt stellt die Auswahl an Forschungsverbünden einen breiten Querschnitt durch das Spektrum psychischer Störungen dar, die durch die damit verbundenen hohen direkten und indirekten Kosten gesundheitspolitisch hoch relevant sind.
Fast alle der geförderten Verbünde widmen sich mehreren der in der Ausschreibung angesprochenen Forschungsbereiche. Herauszuheben sind dabei sicher die beiden Projekte zum direkten Vergleich verhaltenstherapeutischer und psychodynamischer Therapien, die zu den erfreulichen Entwicklungen der komparativen Evaluation psychodynamischer Ansätze beitragen.
Es fällt ferner auf, dass auf den Bereich „Rahmenbedingungen und Praxistransfer“ deutlich weniger Fördervolumen entfällt als auf die anderen Bereiche. Auf der einen Seite ist dies verständlich aus dem Anliegen heraus, Wirkmechanismen oder moderierende Einflüsse des Behandlungserfolgs zu untersuchen, was nur unter standardisierten Bedingungen gelingen kann. Auf der anderen Seite erscheint dies als Mangel in der Förderungsstrategie, insbesondere da in den meisten Fällen bereits etablierte und in ihrer Wirksamkeit belegte psychotherapeutische Interventionen untersucht werden. Hier sollte ein wesentlicher Schwerpunkt der zweiten Förderwelle liegen, da ohne einen Transfer der Erkenntnisse in die Routineversorgung das Ziel einer optimierten Versorgung für psychische Störungen weiter Utopie bleibt.
Referenzen:
Hoffmann, S. O. (2003). Kann eine wegen ihrer „Heimlichkeit“ kritisierte wissenschaftliche Tagung dennoch zu guten Hoffnungen Anlass geben? Psychotherapie und Psychologische Medizin, 53, 285-286.
Lambert, M. J. (2005). Early Response in Psychotherapy: Further Evidence for the Importance of Common Factors Rather Than “Placebo Effects”. Journal of Clinical Psychology, 61, 855-896.
Richard, M. (2003). Symposium zur Förderung der Psychotherapieforschung am 20./21.06.2003 in Mainz - Welche Psychotherapieforschung sollte gefördert werden? Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 35 (Rosa Beilage/Supplement 4/03), S36f.
Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP) nach § 11 PsychThG (2000). Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie zur finanziellen Förderung der Psychotherapie-Evaluationsforschung in der Bundesrepublik Deutschland vom 8.6.2000;
www.wbpsychotherapie.de/Homepage/Pub/Stellung.html
Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP) nach § 11 PsychThG (2003). Entwurf eines Forschungskonzepts für das Förderprojekt „Psychotherapie“ für das BMBF. vom 30.10.2003
www.wbpsychotherapie.de/Homepage/Pub/EntwurfForsch/EntwurfForsch.pdf
Anschriften der Verfasser:
Sylvia Helbig, Dipl. Psych.
Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Technische Universität Dresden
Chemnitzer Straße 46, 01187 Dresden
helbig@psychologie.tu-dresden.de
Thomas Lang, Dipl. Psych.
Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie, Technische Universität Dresden
Institutsambulanz und Tagesklinik, Hohe Straße 53, 01187 Dresden
lang@psychologie.tu-dresden.de